Geschichte von ›Neue Wege‹


1997 Der Anfang von Neue Wege e.V. und seine gesellschaftspolitischen Hintergründe

Die Gründungsversammlung des Vereins Neue Wege e.V. fand am 25.09.1997 statt. Die anwesenden Gründungsmitglieder waren überwiegend in der Frauenrechtsarbeit engagiert.

Neue Wege e.V. verfolgte laut Vereinssatzung folgende Zielsetzungen:

  1. Bereitstellung von Beratungsangeboten für Betroffene von Beziehungsgewalt
  2. Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema Beziehungsgewalt
  3. Umsetzung präventiver Maßnahmen

Der Impuls zur Gründung von Neue Wege war auch eine Reaktion auf vorangegangene und letztendlich gescheiterte Versuche von verschiedenen Akteuren, tragfähige Maßnahmen zu entwickeln, um den hohen Einstellungsquoten bei Strafverfahren wegen sexualisierter und körperlicher Gewalt im sozialen Nahraum entgegenzuwirken.

Der Grundgedanke dieser Bemühungen war, die von Gewalt betroffenen Frauen darin zu unterstützen, das Strafverfahren durchzustehen und so das häufige Zurückziehen des Strafverfolgungsantrages zu verhindern.

Ein konkretes Projekt der Staatsanwaltschaft, die Unterstützung der Gewaltopfer über die Sozialen Dienste der Justiz (SDDJ) umzusetzen, scheitere nach kurzer Zeit, weil die inneren Widersprüche zwischen der bisherigen täterorientierten Sozialarbeit der SDDJ (z.B. Bewährungshilfe) und den opferorientierten Beratungsansätzen des neuen Angebots zu Rollen- und Interessenskonflikten und zur Überforderung sowohl der Institution als auch der MitarbeiterInnen führten.
Im Gründungsprozess von Neue Wege bildeten sich diese Erfahrungen ab: von Beginn an wurde das neue Angebot im Rahmen personell und räumlich getrennter Beratungsstellen mit einer Frauenberatungsstelle (ausschließlich für Opfer) und einer Männerberatungsstelle (ausschließlich für Täter) konzipiert.

Ungeachtet der räumlichen Trennung der beiden Beratungsstellen ging Neue Wege mit einem Beratungsangebot sowohl für die Täter als auch für die Opferseite konzeptionell und inhaltlich wortwörtlich neue Wege: im gesamten bundesdeutschen Raum gab – und gibt es selbst bis heute – kaum eine Beratungsstelle im Kontext von Beziehungsgewalt, die Beratungen sowohl für die Täterseite als auch für die Opferseite anbietet.


1997 bis 2004 Versuche der Etablierung

Von 1997 bis ca. 2000 fanden die Männerberatungen im Bürgerhaus Oslebshausen und die Frauenberatung in den Räumen des Gesundheitstreffpunktes West in Gröpelingen statt.

Von Beginn an war dabei die unzureichende und zudem chronisch unsichere Grundfinanzierung von Neue Wege über Zuwendungsmittel ein Haupthindernis bei der Umsetzung der Ziele des Vereins.

Die fehlenden Ressourcen führten u.a. zu unterbezahltem und daher sowohl häufig wechselndem als auch nicht hinreichend qualifiziertem Personal. Dies trug wiederum zu strukturell bedingten Mängeln in Konzeption und Qualität der Beratungen und der Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit bei.

Im Jahr 2000 erfolgte der Umzug der Frauenberatung in die Eduard Grunowstraße, wo dem Verein auch erstmals ein Büro zur Verfügung stand.

Von den KlientInnenzahlen her wurden im Jahr 2000 laut Jahresbericht insgesamt 49 Frauen und 6 Männer beraten. Auch in den Folgejahren blieb die Nachfrage trotz aller Bemühungen des Vereins weitgehend auf diesem Niveau.


2005 – 2012 Stagnation und das Ende des Vereins

Die Arbeit der beiden Beratungsstellen blieb auch in den Folgejahren nicht nur aufgrund des weiterhin ungenügenden und unsicheren finanziellen Rahmens weiterhin prekär.

In struktureller Hinsicht fehlte nach wie vor ein gesamtstädtisches Konzept im Umgang mit Beziehungsgewalt, eine klare behördliche Zuständigkeit, die Entwicklung eines funktionierenden Netzwerkes im Bereich Beziehungsgewalt sowie die Einbindung von Neue Wege darin.

Trotz bekanntermaßen hoher Fallzahlen von Beziehungsgewalt in Bremen entwickelte sich keine institutionalisierte Vermittlung von KlientInnen in die Beratungsstellen.

Die Auslastung der Beratungsstellen war weiterhin gering, da die Nachfrage überwiegend von den wenigen Selbstmeldern ausging.

Im Ergebnis blieb Neue Wege mit seinem Beratungsangebot ohne erkennbare Weiterentwicklung auf einem zwar gestiegenen, aber letztendlich unbefriedigenden qualitativen und quantitativen Niveau.

2012 kam der Vorstand nach 15 Jahren seines bemerkenswerten Engagements zu der Erkenntnis, dass der Verein seine Ziele auf diesem Wege niemals wird erreichen können.

Der Vorstand beschloss daher die Auflösung des Vereins Neue Wege e.V. und suchte nach einem Träger, der ab 2013 bereit war, diese wichtige psychosoziale und auch gesellschaftspolitische Arbeit unter anderen institutionellen Bedingungen fortzuführen.


Ab 2013 Neue Wege unter der Trägerschaft von reisende werkschule scholen e.v. (rws)

Mit der Übernahme von Neue Wege durch rws ab dem 01.01.2013 haben sich sukzessive strukturelle, personelle und konzeptionelle Veränderungen ergeben. Diese haben sich über die letzten Jahre gegenseitig befruchtet und im Zusammenspiel mit zuträglichen gesellschaftspolitischen Entwicklungen zu der notwendigen Neuaufstellung und Neubelebung von Neue Wege geführt. Meilensteine auf diesem Weg waren u.a.:

Ab 2013: Entwicklung einer personellen Konstanz im Team, das sich seither aus sehr berufserfahrenem und angemessen qualifiziertem Personal zusammensetzt und mittlerweile seit 2015 kontinuierlich zusammenarbeitet.

2015: Neue Wege wird Interventionsstelle gegen Beziehungsgewalt in Bremen. Dies bedeutet, dass Neue Wege durch den Bremer Senat mit dem staatlichen Auftrag betraut ist, Betroffene von Beziehungsgewalt pro-aktiv zu kontaktieren, wenn Gericht oder Polizei Kenntnis von Gewaltvorfällen haben. Aufgabe der Interventionsstelle ist u.a., KlientInnen über ihre Rechte aufzuklären und ihnen Beratung anzubieten.

Ab 2015: Intensivierung der Kooperationsbemühungen und der Netzwerkarbeit.

Ab 2016: stetiger Anstieg der Nachfrage nach den Angeboten von Neue Wege aufgrund erfolgreicher Kooperationen und eine sich bereits abzeichnende Überlastung der Beratungsstelle. Damit verbunden intensives Ringen um eine Erhöhung der Zuwendungsmittel.

Ab 2017: Zusammenführung der bisher räumlich getrennten Frauen- und Männerberatungsstelle sowie des entsprechenden Personals in der Rembertistraße 28 mit erheblichen konzeptionellen und teamspezifischen Synergieeffekten.

Ab 2017: Lobby- und Öffentlichkeitsoffensive. Ankündigung des Teams, seine Tätigkeit bei Neue Wege aufgrund dauerhafter Überlastung und damit einhergehend fehlender Zukunftsperspektive nur dann fortzusetzen, wenn zusätzliche Mittel für weiteres Personal bereitgestellt werden.

Ab 2018: Bewilligung einer zusätzlichen Vollzeitstelle für Neue Wege durch den Bremer Senat und damit verbunden die Erweiterung des Teams im April 2018.

Herbst 2018: Die Beratungsstelle ist u.a. aufgrund der weiter ansteigenden KlientInnenzahlen mittlerweile voll ausgelastet.

Ab 2017: Einsatz zur Schaffung einer Beratungsstelle für Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind – mit Interventionsangeboten